ESMO 2021
Aktuelles zu Nieren- und Urothelkarzinom  

Der Kongress der European Society for Medical Oncology (ESMO) bietet alljährlich eine Plattform für den Informationsaustausch und die Vorstellung wichtiger Studiendaten. Auch in diesem Jahr wurden Updates zu bekannten Studien und neue Strategien für die Behandlung urologischer Entitäten präsentiert.

Nierenzellkarzinom
Therapiefreie Intervalle bei Therapie mit Sunitinib und Pazopanib

Um Toxizitäten für Patienten mit metastasiertem Nierenzellkarzinom und Kosten für das Gesundheitssystem zu senken, wurde in der randomisierten, englischen Phase-II/III-Studie STAR die Erstlinientherapie mit Sunitinib oder Pazopanib von therapiefreien Intervallen unterbrochen [1]. Die Studie startete 2012 mit Sunitinib und wurde 2013 mit Pazopanib ergänzt. Insgesamt 919 Patienten erhielten die jeweilige Therapie kontinuierlich oder mit therapiefreien Intervallen. Es wurden median 4-5 Zyklen von 6-wöchiger Dauer in den beiden Therapiearmen mit einer von Spanne von 2 bis 9 oder 10 Zyklen gegeben. Etwa die Hälfte der Patienten mit Therapiepausen starteten nur eine Therapiepause, mehr als ein Viertel 3 Therapiepausen. Im Median betrug die Länge der Therapiepause 87 Tage. Bezüglich des OS wurde eine Nicht-Unterlegenheit für die Per-Protokoll-Population (HR=0,94), nicht aber für die ITT-Population (HR=0,97) gezeigt. Die Lebensqualität war für beide Populationen im Therapieintervall-Arm der kontinuierlichen Therapie nicht unterlegen. Nach 2 Jahren wurde eine deutliche Kostenreduktion festgestellt. Bezüglich der Zeit bis zum Therapiestrategie-Versagen (Tod, Krankheitsprogress, neue systemische Therapie) wurde ein signifikanter Vorteil zugunsten der Intervall-Therapie gesehen (HR=0,75). Wie erwartet, wurden in der Gruppe der Patienten mit therapiefreien Intervallen weniger häufig Nebenwirkungen aller Grade als auch klinisch relevante Nebenwirkungen berichtet.

Die Studie hat insofern an Relevanz verloren, als die meisten Patienten in der ersten Therapielinie heute mit einer Immuntherapie behandelt werden. Nichtsdestotrotz können die Ergebnisse für die Behandlung von Patienten, die für eine Immuntherapie ungeeignet sind, hilfreich sein.

Längere Ipilimumab-freie Intervalle senken Toxizität

Mit dem Ziel, die Toxizität zu reduzieren, wurde in der 2:1-randomisierten Phase-II-Studie PRISM die Kombination von Nivolumab mit Ipilimumab in einer alternativen Dosierung von 4x1 mg/kg alle zwölf Wochen untersucht [2]. Nivolumab wurde parallel zu Ipilimumab in einer Dosierung von 3 mg/kg sowie im Ipilimumab-freien Intervall in einer Dosierung von 240 oder 480 mg alle zwei bzw. vier Wochen verabreicht. Als Kontrolle bezüglich der Sicherheit diente die Standarddosierung mit 3 mg/kg Nivolumab plus 1 mg/kg Ipilimumab, q3w, gefolgt von 480 mg Nivolumab, q4w. Für die Kontrolle der Effektivität wurde das 12-Monats-PFS-Rate mit den historischen Daten von Sunitinib verglichen. Innerhalb der ersten 12 Monate unter Therapie traten mit dem modifizierten Ipilimumab-Schedule therapieassoziierte Nebenwirkungen der Grade 3-4 bei 32,8% gegenüber 53,1% unter der Standard-Dosierung auf (Odds Ratio 0,43). Das mediane PFS lag bei 10,8 versus 9,8 Monate zwischen modifiziertem und Standard-Immun-Regime. Im Vergleich der Effektivität der modifizierten Immuntherapie mit der historischen Kontrolle (COMPARZ-Studie) wurde eine 12-Monats-PFS-Rate von 46,1% versus 39,7% ermittelt. Die Ansprechrate lag mit der modifizierten Therapie bei 45,3% und mit der Standard-Dosierung bei 35,9%. Das mediane OS war in beiden Studienarmen noch nicht erreicht. Nach 12 Monaten lebten noch 88,3 versus 83,7% der Patienten unter modifizierter versus Standard-Dosierung. Diese Studienergebnisse einer positiven Phase-II-Studie legen die weitere Erforschung der verschiedenen Ipilimumab/Nivolumab-Regime nahe.

Urothelkarzinom
dd-MVAC ist überlegene Chemotherapie für neoadjuvante Behandlung

Die französische randomisierte Phase-III-Studie V05 VESPER hatte zum Ziel, die beiden bereits häufig beim muskelinvasiven Blasenkarzinom (MIBC) verwendeten Chemotherapieregime dd-MVAC (Methotrexat, Vinblastin, Doxorubicin, Cisplatin) und GC (Gemcitabin, Cisplatin) miteinander zu vergleichen [3]. Eingeschlossen wurden Cisplatin-geeignete Patienten mit einem guten Allgemeinzustand (ECOG PS <2) und nicht metastasierter Erkrankung für die neoadjuvante (T2, N0, M0) oder adjuvante (>pT2 oder pN+, M0) Behandlung mit 4 Zyklen GC alle 3 Wochen oder 6 Zyklen dd-MVAC alle 2 Wochen.

Zwischen Februar 2013 und März 2018 wurden in 28 französischen Zentren insgesamt 500 Patienten eingeschlossen. In der adjuvanten Gruppe waren 56 Patienten und in der neoadjuvanten Gruppe 437 Patienten bezüglich des PFS ausgewertet worden. Das dd-MVAC-Regime erwies sich in der neoadjuvanten Situation als überlegen. Das Risiko für einen Progress war unter dd-MVAC im Vergleich zu GC um 30% (PFS: HR=0,70; p=0,025) und die Zeit bis zur Progression um 38% geringer (TTP: HR=0,62; p=0,005) (Abb.). Für das OS wurde eine HR von 0,66 berechnet (Abb.). Die finalen OS-Daten stehen noch aus.

Abb.: V05 VESPER-Studie – Progressionsfreies Überleben (PFS) und Gesamtüberleben (OS) bei
neoadjuvanter Behandlung mit dd-MVAC versus GC [3].


Höhere Ipilimumab-Dosierung ist effektiver

In der NABUCCO-Studie wurden in Kohorte 1 Patienten mit Urothelkarzinom im Stadium III mit Ipilimumab (3 mg/kg) gefolgt von Ipilimumab (3 mg/kg) plus Nivolumab (1 mg/kg) gefolgt von Nivolumab (3 mg/kg) behandelt und damit eine pathologisch komplette Remission (pCR) bei 46% der Patienten und eine pCR oder nicht-invasive Erkrankung (ypT0/TisN0) bei 58% der Patienten erreicht. In Anlehnung an eine vergleichbare Wirksamkeit, aber bessere Verträglichkeit der Kombination durch Reduzierung der Ipilimumab-Dosierung beim Melanom wurde in der Kohorte 2 eine optimale Dosierung der präoperativen Ipilimumab plus Nivolumab-Gabe untersucht [4]. In Kohorte 2A erhielten 15 Patienten zweimal Ipilimumab (3 mg/kg) plus Nivolumab (1 mg/kg) gefolgt von Nivolumab (3 mg/kg) und in Kohorte 2B ebenfalls 15 Patienten zweimal Ipilimumab (1 mg/kg) plus Nivolumab (3 mg/kg) gefolgt von Nivolumab (3 mg/kg). Primärer Endpunkt war das pathologisch komplette Ansprechen (ypT0 N0).

Sowohl in Kohorte 2A als auch in Kohorte 2B zog jeweils ein Patient die Einwilligung für eine Operation ohne Progress zurück und konnte somit nicht ausgewertet werden. In Kohorte 2B sprachen zudem zwei Patienten nicht auf die Therapie an und erhielten daher keine radikale Operation.

Insgesamt traten in Kohorte 2B vermindert Nebenwirkungen der Grade 3-4 auf (Kohorte 2A vs. 2B: 33% vs. 20%). Die Wirksamkeit war in Kohorte A indes besser: Ein komplettes Ansprechen zeigten 43% der Patienten in Kohorte 2A versus 7% in Kohorte 2B (ypT0/TisN0 57% versus 21%.

Bericht: Dr. Ine Schmale, Westerburg

Quelle:
[1] Brown JE, et al.: STAR: A randomised multi-stage phase II/III trial of standard first-line therapy (sunitinib or pazopanib) comparing temporary cessation with allowing continuation, in the treatment of locally advanced and/or metastatic renal cancer. ESMO 2021, #LBA28
[2] Vasudev NS, et al.: Nivolumab in combination with alternatively scheduled ipilimumab in first-line treatment of patients with advanced renal cell carcinoma: A randomized phase II trial (PRISM). ESMO 2021, Abstr. #LBA29.
[3] Pfister C, et al.: Dose-dense methotrexate, vinblastine, doxorubicin and cisplatin (dd-MVAC) or gemcitabine and cisplatin (GC) as perioperative chemotherapy for patients with muscle-invasive bladder cancer (MIBC): Results of the GETUG/AFU VESPER 05 phase III trial. ESMO 2021, Abstr. #652O
[4] van Dorp J, et al.: High- vs low-dose pre-operative ipilimumab and nivolumab in locoregionally advanced urothelial cancer (NABUCCO cohort 2). ESMO 2021, Abstr. #LBA3.

Quelle: European Society for Medical Oncology (ESMO) Congress 2021, Paris und virtuell, 16.-21. Sept. 2021

Oktober 2021



fusszeile

 
       © 2003-2022 pro-anima medizin medien   –   impressum   –   mediadaten   –   konzeption
  –   datenschutz